Dr. Diliana Stoyanova

[Translate to Deutsch:] Diliana Stoyanova

Was bedeutet das Thema „Konflikt und Kooperation“ für Sie?


In der öffentlichen Debatte wird Zusammenarbeit oft als etwas grundsätzlich Positives dargestellt, während Konflikte als etwas angesehen werden, das es zu vermeiden gilt. Meine Forschung hat mich dazu veranlasst, diese einfache Unterscheidung in Frage zu stellen. In vielen Institutionen, insbesondere in grossen internationalen Organisationen, kann „Friedenssicherung“ manchmal bedeuten, den Status quo aufrechtzuerhalten – selbst wenn dieser Status quo fehlerhaft ist.


In diesem Sinne kann Konflikt eine wichtige korrigierende Rolle spielen. Momente der Uneinigkeit, des Widerspruchs oder institutioneller Reibungen können zugrunde liegende Probleme aufdecken, die sonst verborgen blieben. Anstatt die Zusammenarbeit zu untergraben, können solche Konflikte Institutionen die Möglichkeit eröffnen, zu reflektieren, sich anzupassen und sich zu verbessern.


Aus dieser Perspektive sind Konflikt und Zusammenarbeit keine Gegensätze, sondern Teil eines dynamischen Prozesses. Institutionen, die Wert auf Verantwortlichkeit legen, müssen in der Lage sein, ein gewisses Mass an interner Uneinigkeit und konstruktivem Widerspruch zu tolerieren.

 

Welche Rolle spielt dieses Thema in Ihrer Arbeit?

Meine Forschung konzentriert sich auf die internen Rechtssysteme internationaler Organisationen, insbesondere der Vereinten Nationen, und auf die Schutzmassnahmen für Mitarbeiter, die Missstände melden. Whistleblower führen oft zu Konflikten in Umgebungen, in denen Loyalität und Zusammenhalt einen hohen Stellenwert haben.

Ich interessiere mich auch für das gegenteilige Phänomen: Schweigen. In grossen Institutionen kann Zusammenarbeit manchmal die Form annehmen, die Organisationswissenschaftler als moralische Sprachlosigkeit bezeichnen – eine Zurückhaltung, ethische Bedenken offen zu artikulieren, selbst wenn Probleme intern weithin anerkannt sind. In solchen Fällen werden Konflikte unterdrückt, anstatt angegangen zu werden, und Institutionen laufen Gefahr, sich von den Prinzipien zu entfernen, die sie angeblich vertreten.

Das Verständnis, wie Organisationen mit diesen Spannungen umgehen, hilft zu erkennen, wie institutionelle Kulturen die Möglichkeit der Rechenschaftspflicht beeinflussen.

 

An welchen Projekten werden Sie während Ihres Fellowship am Forum Basiliense arbeiten? 

Während meines Fellowship am Forum Basiliense werde ich an einem Projekt arbeiten, das die Rolle der moralischen Stimme und des moralischen Schweigens innerhalb internationaler Organisationen untersucht. Ein Aspekt dieser Forschung befasst sich mit dem Konzept der „moralischen Sprachlosigkeit“ innerhalb des Sekretariats der Vereinten Nationen – der Tendenz hochrangiger Beamter und institutioneller Strukturen, selbst in Krisenzeiten keine offene ethische Kritik zu äußern.
Diese Arbeit untersucht, wie diplomatische Kultur, bürokratische Zwänge und politischer Druck beeinflussen, was innerhalb internationaler Institutionen gesagt werden kann und was nicht. Während von den Vereinten Nationen oft erwartet wird, dass sie in globalen Angelegenheiten moralische Führungsstärke zeigen, erschwert die interne Dynamik der Organisation manchmal offene moralische Kritik.

Durch die Untersuchung dieser Spannungen versucht das Projekt besser zu verstehen, wie internationale Institutionen das empfindliche Gleichgewicht zwischen der Aufrechterhaltung der Zusammenarbeit zwischen Staaten und der Wahrung der moralischen Autorität, die ihre Legitimität untermauert, bewältigen.

 

 


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