Dr. Christoph Rosol

[Translate to Deutsch:] Dr. Christoph Rosol

Was bedeutet das Thema "Konflikt & Kooperation" für Sie? 

Wenn man derzeit die Nachrichten verfolgt, kann man den Eindruck gewinnen, dass der Kitt, der Kollektive zusammenhält, zunehmend provisorischer und in gewisser Weise experimentell wird. Politische Kalküle wechseln von Tag zu Tag, gegenseitiges Vertrauen scheint grundlegend zu erodieren, gemeinsame Werte und Bündnisse werden zunehmend austauschbar und funktinieren nach dem Prinzip von trial and error. Ist eine bestimmte Nation, ist der Liberalismus, ist die KI, ist die Wissenschaft Freund oder ist sie Feind? Nach dem ersten Drittel des 21. Jahrhunderts sieht es so aus, als befänden wir uns mitten in einem spukhaften Spiegelkabinett, in dem alles stets von der „richtigen“ Perspektive abhängt, um zu entscheiden, was evident ist und wo der verflixte Ausgang ist. 

Konflikt und Zusammenarbeit waren schon immer in einer wechselseitigen Beziehung verstrickt. Freund und Feind waren oft austauschbar, und Allianzen waren einer ständigen Überprüfung unterworfen. Zudem steht die Erfahrung, dass „AllesStändische und Stehende verdampft“, gewissermaßen am Anfang des modernen Kapitalismus. Worin unterscheidet sich also unsere Zeit von früheren? Ich glaube, es ist der planetarische Massstab, auf dem jedes sozio-technische Experiment heute widerhallt. Unter den Bedingungen einer Technosphäre, die der menschlichen Kontrolle entgleitet, hat so ziemlich jede Art von politischer Entscheidungsfindung, sei es für oder gegen die Bekämpfung eines Virus, den Kampf gegen den Klimawandel oder die Eindämmung der Macht von Technologieunternehmen, Auswirkungen auf die reale Welt, die große Ökologie. In diesem Sinne sind die Entscheidung für einen bestimmten Konflikt oder die Entscheidung für multilaterale Zusammenarbeit nicht mehr nur geopolitisch im traditionellen Sinne. Sie entscheiden über die Zukunft des Geos, der Erde, als solche.

Inwiefern spielt dieses Thema in Ihrer Arbeit eine Rolle? 

Meine wissenschaftlichen und kuratorischen Interessen decken ein breites Spektrum ab, dessen gemeinsamer Nenner als Anthropozänwissenschaften bezeichnet werden könnte. Ich möchte einen Beitrag zu der tiefgreifenden Erkenntnis leisten, dass wir in einem Moment grundlegender geohistorischer Umwälzungen leben und dementsprechend handeln sollten. Meine besondere Expertise liegt in der Geschichte der Geowissenschaften und ihrer unmittelbaren Verbindung mit der Geschichte wissenschaftlicher Technologien und Medien. Die Erforschung von Erdsystemen wie der Atmosphäre, der Biosphäre oder der Hydrosphäre ist von Natur aus auf internationale, aber auch interdisziplinäre Zusammenarbeit angewiesen. Sie geht – manchmal etwas naiv – von einem planetarischen Ganzen aus, obwohl doch überall politische, kulturelle und sogar akademische Bruchlinien vorherrschen. 

Die Geschichte zeigt dies deutlich und auf manchmal verblüffende und widersprüchliche Weise. Die Erdsystemforschung ist schließlich ein Kind des Kalten Krieges. Diese Widersprüche sind in vielerlei Hinsicht auch für die Gegenwart bestimmend. Die Potenz neuer Technologien wird sowohl als Ursache als auch als Lösung für viele der heutigen Probleme gesehen: Arbeitslosigkeit, gesellschaftliche Polarisierung, das Klima, das über die Klippe geht. Die Technosphäre wird als Krankheit und zugleich dessen Kur angesehen. Ich möchte untersuchen, wie moderne Gesellschaften in diese prometheische Zwickmühle geraten sind und welche Art von historischen Entscheidungen, Alternativen und veränderten Einstellungen ihr den Weg bereitet haben. 

An welchen Projekten werden Sie während Ihres Stipendiums im Forum Basiliense arbeiten? 

In meinem Projekt möchte ich die Anfänge der Erdsystemforschung um die Mitte des 20. Jahrhunderts als einen besonderen Moment und als einen epistemischen Modus Operandi zur Überwindung geopolitischer Konflikte untersuchen. Nicht umsonst gilt die die Zeit um 1950 als Epochenschwelle und als Beginn einer neuen Planetarität. Die Erdsystemforschung, die sich mit den Antriebsfaktoren des globalen Klimas, der Wettersysteme, der Meeresströmungen und der Zirkulation geochemischer Elemente befasst, ist per se eine „deterritorialisierte“ Wissenschaft. Zugleich ist sie Teil der Entstehung einer neuen planetarisch-territorialen Ordnung unter den Bedingungen von Atomwaffen und Interkontinentalraketen, aber auch von globaler Information, Handel und Migration. Die wissenschaftlich-technischen Entwicklungen und die durch sie ausgelösten Weltkriege schufen eine neue supranationale Sichtweise, in der die Gesamtheit der Atmosphäre, der Ozeane und der Kontinente zum Terrain der Interaktion und, im wahrsten Sinne des Wortes, zur "Einflusssphäre" sowohl für die kommenden Konflikte als auch für die globale Zusammenarbeit wurde, wie das Beispiel des Internationalen Geophysikalischen Jahres 1957/58 zeigt.

Mich interessieren vor allem zwei Aspekte: die epistemisch-technologischen Bedingungen, die dieses neue, deterritorialisierte Verständnis der Erde als System geformt haben, und die Art und Weise, wie eine solche Systembetrachtung bereits mit bestimmten Formen von technischen Eingriffen gespielt hat bzw. sogar darauf beruht. Wetterveränderung und Klima-Engineering spielten in den 1950er Jahren eine große Rolle, einer Zeit, in der dem technischen Fortschritt unbegrenztes Vertrauen entgegengebracht wurde - ähnlich, aber auch anders, als der heutige Techno-Solutionismus. Die Untersuchung der globalen Zusammenarbeit aus dem Blickwinkel einer „interventionistischen“ Haltung gegenüber dem Erdsystem könnte Lehren für die heutige Renaissance des Geo-Engineering aufzeigen, nicht zuletzt in seiner besonders schweizerischen Ausprägung.



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